Wie berate ich eine Frau, die abtreiben will?

Unsere Sprecherin Elisabeth Dóczy war bei Barbara Pavelka im Wiener Büro der Lebensbewegung und hat ein paar Einblicke in die Beratungsarbeit für Schwangere in Konfliktsituationen erhalten.

Barbara, angenommen, ich melde mich bei euch und komme zu einer Beratung vorbei… Wie läuft das ab?

Zuerst einmal schauen wir, dass die Frau sich bei uns wohlfühlt. Dann fragen wir ein paar Dinge in einem Fragenkatalog ab. Das ist wichtig, um nicht ins Blaue hinein zu beraten. Ich muss - wie bei einem Arzt - eine Anamnese machen und herausfinden, wo das Problem liegt. Wenn eine Frau sagt, dass sie finanzielle Probleme hat und sowieso nicht abtreiben will, muss ich das Thema gar nicht erst anschneiden. Wenn sie aber meint, es gehe ihr super und sie müsse unbedingt abtreiben, dann steht das Thema bei der Beratung natürlich im Vordergrund.

Wie geht ihr damit um?

Indem wir einfach viele Fragen stellen. Wir müssen auch herausfinden, wie umfassend sie sich über ihre Situation und die Alternativen informiert hat. Dann natürlich die fünf Punkte: Wie sie heißt, wie alt sie ist, in welcher Schwangerschaftswoche, wie lange sie schon weiß, dass sie schwanger ist und ob sie es aufgrund eines Apothekentests weiß oder ob sie schon zur Bestätigung beim Gynäkologen war.

Es sind jeweils andere Voraussetzungen, ob ein Test ein paar Stunden oder ob er mehrere Wochen her ist. Dann muss man mehr über ihr Umfeld erfahren. Weiß der Kindesvater davon, wie ist die Beziehung zu ihm, freut er sich oder macht er Druck. Sind sie und er im Studium, haben sie bereits Kinder, ist es das erste, hat sie schon eine Abtreibung hinter sich, wie ging es ihr damals danach, hat sie eine Fehlgeburt gehabt, gab es Abtreibungen in der Familie…. und so weiter. Das alles spielt mit hinein.

Dann natürlich die Frage: Möchte sie überhaupt Kinder? Was ist ihr Lebensplan? Was sind ihre Befürchtungen für ein Leben mit dem Kind? Auf alle diese Sachen ist zu achten!

Ihr habt wahrscheinlich mit den unterschiedlichsten Fällen und Situationen zu tun. Aus welcher Situation denken die Frauen, die zu euch kommen, über eine Abtreibung nach?

Es gibt da nicht ein Gros. Die Frauen, die wir beraten, kommen eigentlich aus jeder Bevölkerungsschicht, aus jeder Gesellschaftsschicht, in jedem Alter. Es gibt manche Parallelen von dem einen zum anderen Fall. Es gibt auch immer wieder neue Themen, auf die wir stoßen und über die wir zur Beratung recherchieren müssen.

Zum Beispiel?

Es kommt selten vor - dreimal habe ich es schon erlebt - dass eine Frau meint, wegen der Umwelt abtreiben zu müssen. Ich habe da sehr ehrlich reagiert, vielleicht einmal zu ehrlich, aber wir kamen dann gut ins Gespräch.

Wie geht es den Frauen in den Anfangsphasen in der Schwangerschaft, wenn sie zu dir kommen?

Sie stehen unter Druck. Die ersten drei Monate sind auch nicht die schönsten in der Schwangerschaft. Man fühlt sich schwach, hat Kopfschmerzen, man übergibt sich dauernd und nicht zuletzt verdoppelt sich von Tag zu Tag das Schwangerschaftshormon im Körper.

Jeder weiß noch, wie die Pubertät ist. Die war auch nicht leicht und hat nur fünf Jahre gedauert und bei einer Schwangeren geht das jetzt in drei Monaten. Wenn man sich dann auch noch in einer Umbruchphase befindet, zum Beispiel ein Berufswechsel ansteht oder der Übergang vom Studium in die Arbeitswelt, ist die existenzielle Krise natürlich perfekt. Und dann soll man noch eine Entscheidung treffen, ob man das Kind will oder nicht.

Zu einer Schwangerschaft gehören zwei. Wie ist das eigentlich mit den Männern, den Vätern? Spielen sie in eurer Arbeit eine Rolle?

Ja, denn viele Männer fühlen sich persönlich nicht bereit und geraten dann in Panik, wenn sie hören dass sie Vater werden. Wir bieten ihnen Wege an, in die Vaterschaft hinein zu kommen.

Es ist schwierig, etwas zu realisieren, was man noch nicht sieht, oder?

Ja, in der Regel realisieren sie es beim ersten Ultraschallbild. Es gibt viele, die zuerst total gegen das Kind sind und dann sehen sie es und sind total begeistert. Deswegen sollte man sich mit dem Partner, der in eine existenzielle Panik gerät, auseinandersetzenm, aber nicht die Entscheidung über eine Abtreibung von seinen Sorgen abhängig machen.

Männer brauchen tendenziell länger damit, sich an die Vaterschaft zu gewöhnen, weil sie nicht dieselben Änderungen am eigenen Leib mitmachen wie die Frauen. Daher können sie auch viele Veränderungen, die die Frau an sich erlebt, emotional nicht nachvollziehen. Und das birgt natürlich auch gewissen Schwierigkeiten, die zu Konfliktsituationen in der Schwangerschaft führen können.

Ich will hier kein Männerbashing machen: Es gibt natürlich auch Frauen, die sich überfordert fühlen und wo die Männer sich stattdessen auf das Kind freuen. Wichtig ist - denke ich - dass man auch als Frau versteht, dass manche Männer etwas länger brauchen, bis sie sich in ihr Vater Sein einfinden.

Abtreibungsbefürworter pochen auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Wie entsteht eurer Erfahrung nach der Gedanke an eine Abtreibung bei den Frauen?

Sehr, sehr oft ist es Druck vom Kindesvater. Und das oft bei Frauen, die irrsinnig gerne ein Kind kriegen wollen würden, aber Angst haben, dass die Beziehung dadurch kaputt gehen könnte. Was sie oft so oder so tut, wenn abgetrieben wird. Oft kommt der Druck auch aus dem familiären Umfeld, überraschenderweise von den Müttern.

Ein weiterer, häufiger Grund für eine Abtreibung ist Druck durch den Beruf oder schlicht Überforderung. Zum Beispiel empfinden viele Frauen, die schon Kinder haben, die Aussicht auf noch ein Kind als weitere Belastung und meinen, alles alleine stemmen zu müssen. Ihnen muss man dann sagen: es ist legitim, dass du dich überfordert fühlst, und du hast Anspruch auf Unterstützung. Lass dir von den älteren Kindern, deinem Partner oder von Bekannten helfen!

Schließlich kommen noch die Umbruchzeiten hinzu, zum Beispiel wenn man mit frischem Studienabschluss oder nach einer Karenz wieder zurück in die Arbeit möchte.

Was ist mit dem Extremfall Vergewaltigung?

Bei unseren Klientinnen war das kaum Thema. Ganz selten kommt eine Frau zu uns, die wegen einer Vergewaltigung schwanger geworden ist. Die meisten Frauen, die nach einer Vergewaltigung zu uns kommen, wollen sich nach der einen traumatischen Erfahrung nicht auch noch eine weitere antun und interessieren sich mehr für die Adoption.

Meine Kollegin hatte mit einer Frau zu tun, die mit der Abtreibung psychisch mehr zu kämpfen hatte als mit der Vergewaltigung. Das sind Dinge, die man in der Situation nicht erahnen kann. Eine allgemeine Aussage kann ich nicht treffen, aber zumindest unserer Erfahrung nach sind Frauen, die vergewaltigt wurden, nicht die typischen Fälle für eine Abtreibung.

Selten, aber öfters als bei einer Vergewaltigung, sind Frauen Ende 30, Anfang 40 bei uns, die lange auf eine Schwangerschaft hingearbeitet haben und die dann unsicher werden, wenn es klappt.

Man muss auch sagen, dass zum Beispiel ein Abtreibungswunsch wegen Behinderung eher selten ist. Denn viele Schwangerschaften mit Kindern, die schwerstbehindert sind, führen zu einer Fehlgeburt.

Wie siehst du eigentlich die Rolle des Staates in dem Ganzen?

Der Staat ist gar nicht das Problem. Wir sind in Österreich - was die staatlichen Hilfsmittel betrifft - ziemlich gut aufgestellt. Besser geht grundsätzlich immer. Aber wenn die Dinge, die Frauen zustehen, auch gewährleistet werden, kommt man durch.

Es hapert eher am Rückhalt von Familie und Freunden. Wenn einem die Umgebung zum Beispiel vermittelt, dass man keine gute Mutter wäre… ich meine, Entschuldigung, was erlaubt man sich da, wenn man so was sagt?!

Und auch von der Idee, dass es einen idealen Zeitpunkt für ein Kind geben muss, sollte man wegkommen. Dieser Zeitpunkt kommt nämlich erst dann, wenn man bereits nicht mehr fruchtbar ist, aber über die notwendigen finanziellen Ressourcen verfügt.

Mich würde deine Meinung zur gesetzlichen Lage interessieren: wie siehst du etwaige Lockerungen, zum Beispiel infolge der Empfehlungen im Matic-Bericht?

Der Druck auf die Frauen wird durch weitergefasste Regelungen nur größer. Es wird sowieso so wahnsinnig viel Druck auf die Frauen in den ersten Monaten ausgeübt, subtil oder offen. Wenn die Situation nicht ideal ist, gibt es schnell Leute die sagen: na, du kannst ja abtreiben. Und das kommt so schnell über die Lippen. Wir kriegen das hier ständig mit. Das ist so wie Schuhe einkaufen geworden. Ich weiß, es gibt Frauen, die gerne abtreiben möchten und die auch Alternativen haben wollen… deren Situation nicht ideal ist…

Diese Idee, man dürfe das Kind nicht haben, weil die Situation nicht ideal ist, ist schon irgendwie arg. Es gibt einfach viele Frauen, die vom Umfeld dazu getrieben werden - sei es von den Eltern, vom Kindesvater oder vom Arbeitsumfeld. Man glaubt nicht, wieviele Mütter ihre Töchter dazu zwingen wollen. Oder auch Schwiegermütter. Der Druck auf die Frauen wird durch die Verfügbarkeit von Abtreibung noch größer.

Muss eine Frau in Österreich zuerst eine Beratung in Anspruch nehmen, bevor sie abtreiben lässt?

Nein.

Wie geht es mit den Frauen weiter, die zu euch kommen?

Wir bieten ihnen an, sie auch langfristig und über das Einzelgespräch hinausgehend zu begleiten. Aber wir verfolgen die Frauen danach nicht. Wir fragen nach, und schreiben zum Beispiel eine SMS, wie es ihr geht. Manchmal kommt etwas zurück, oder auch nicht. Wir wollen den Frauen zeigen, dass sie noch einmal zu uns zum Gespräch zurückkommen dürfen; auch dann, wenn sie sich für eine Abtreibung entschieden haben. Falls nötig, sind wir auch noch nach der Geburt für sie da.

Ein ganzheitlicher Zugang also!

Es ist nicht so ein radikales Ding bei uns: jetzt ist die Geburt vorbei und jetzt kümmern wir uns um neue Leute. Wir haben auch Selbsthilfegruppen für Frauen, die alleinerziehend sind. Oder die sich alleinerziehend fühlen, wenn der Mann nicht so ganz im Boot ist. Vor Corona hatten wir auch eine Selbsthilfegruppe für Frauen nach einer Abtreibung, mit der wir jetzt wieder weitermachen wollen.

Mit der Geburt sind die behördlichen Angelegenheiten noch nicht abgeschlossen. Gerade hatten wir einen Fall, bei dem es um das Kinderbetreuungsgeld ging; der Vater des Kindes ist aus einem anderen, europäischen Land. Meine Kollegin hat mir soeben gesagt, dass sie jetzt endlich das Kinderbetreuungsgeld von dort erhalten, nachdem sich die ausländischen Behörden lange quergestellt hatten. Ein Kommunikationsproblem zwischen den österreichischen und den dortigen Behörden. Auf solche und andere Schwierigkeiten stößt man.

Wie geht es einer Frau, wenn sie abgetrieben hat?

Wir wissen es nur, wenn sie sich wieder bei uns meldet. Ich kann mich an eine Frau erinnern, die fünf Monate nach der Beratung bei uns anrief: ob sie zu uns kommen könne, es sei etwas Schlimmes geschehen. Ich wusste nicht: hat sie abgetrieben? Hatte sie eine Fehlgeburt? Ist der Freund gegangen? Tatsache war: sie hatte abgetrieben und hatte massiv mit den psychischen Folgen zu kämpfen. Sie wusste nicht, mit wem sie sonst darüber sprechen kann, da keiner das verstehen könne.

Die Gespräche in der Arbeit mit den Kollegen, die Witze, alles fand sie banal und oberflächlich; dazu hatte sie eine irrsinnige Trauer in sich. Besonders belastend war für sie: ihre Mutter hätte sie mit dem Kind im Stich gelassen. Aber nun wollte sie ihr auf einmal helfen, da die Frau mit den psychischen Problemen keine Kraft für einen Vollzeitjob hatte. Diese Diskrepanz war für die Frau sehr schockierend.

Für uns bei der Lebensbewegung ist die Offenheit für Frauen, die abgetrieben haben, sehr wichtig. Es ist nämlich kein einfaches Thema und es gibt immer weniger Stellen, wo Frauen die Chance haben darüber zu reden.

Spielt der Glaube auch eine Rolle in der psychischen Bewältigung?

Wir fragen schon, ob sie einen Glauben haben. In einem solchen Fall bin ich ins Philosophische gegangen. Grundsätzlich ist der Glaube eine Ressource, die viel Kraft gibt und über die Menschen sehr froh sind.

Wie seht ihr von eurer Warte aus das kirchliche Engagement im Lebensschutz?

Ich denke, dass die Kirche gute Angebote hat. Im Grunde hängt das rein von der Person ab, die einem gegenüber sitzt, und weniger von der Institution. Die Frage ist: nimmt sich mein Gegenüber Zeit für mich.

Qualität steht über Quantität. Jeder bei uns hatte schon ein vierstündiges Beratungsgespräch. Zum Beispiel, wo man dachte: "Okay, jetzt sind wir hier durch" und auf einmal öffnet sich die Frau und bringt einen richtigen Brocken. Manchmal liegt einer Frau so viel am Herzen, das einfach nur raus muss und nur bei uns hat sie die Chance, es loszuwerden.

Noch einmal zurück zur Kirche...

Es kommen immer wieder Frauen, die gläubig sind, katholisch sind und schon oft eine Abtreibung gebeichtet haben. Und die es trotzdem nicht geschafft haben, den Schmerz aufzuarbeiten. Es gibt einige Priester, die in solchen Situationen gute und wahre Dinge sagen, welche aber die Frauen nicht annehmen können.

Mir fällt konkret eine Frau ein, die sehr gläubig geworden ist und die sich nach mehrmaliger Beichte selber die Abtreibung noch immer nicht vergeben konnte. Ich bin katholisch und konnte daher gut mit ihr darüber reden. Ich habe ihr gesagt, dass Jesus für uns ans Kreuz gegangen ist und dass auch die Abtreibung davon nicht ausgenommen ist. Wir haben zusammen gebetet. Eine Woche später kam sie wieder vorbei und war total befreit. Es geht ihr seit dem Gespräch und Gebet besser. Es ist wichtig, diesen Frauen zu sagen, dass sie alles bei Jesus abgeben dürfen.

Wird man dieses Schuldgefühl jemals los?

Eine Abtreibung ist eine große Wunde und ein starkes Trauma, das lange zum Aufarbeiten braucht. Für viele Frauen geht der Schmerz nie ganz weg. Aber sie lernen, damit umzugehen. Was in der Kirche vielleicht fehlt, ist den Priestern diese Fähigkeit zu vermitteln: wie versteht die Frau, dass ihr im Sakrament der Beichte die Schuld vergeben wird? Wie kommt die Vergebung Gottes bei ihr an, sodass sie sie annimmt? Das ist die Ressource des Christentums, die sonst keine Religion hat. Dass Gott selbst Mensch geworden ist, um den Tod zu besiegen und unsere Schuld auf sich zu nehmen. Aus diesem Zentrum heraus zu agieren und das zu betonen: das geht mir manchmal ein bisschen ab.

Möchtest du abschließend noch etwas loswerden?

Ja. Ich möchte auf die Frage zu sprechen kommen, ob Einschränkungen Sinn machen. Ich denke schon. Denn nur so sind Frauen auch wirklich vor dem Druck von außen geschützt. Denn dann muss sich das Umfeld damit auseinandersetzen, dass die Frau jetzt ihr Kind kriegt. Man beachte: manche Kindesväter ziehen leider alle Register, um etwa die Frauen nach Holland zu schicken, wo die Bestimmungen viel lockerer sind. Dadurch werden die Frauen auch bei uns weiterhin Druck ausgesetzt. Es ist sehr schwer, diesem Druck standzuhalten, das muss ich ehrlich sagen.

Ganz grundsätzlich wäre ich aber für eine tiefe, gesellschaftliche Änderung. Dass die Angst vor dem Kinder kriegen aufhört.

Mehr echte Solidarität, richtig?

Ja, mehr Solidarität! Dass man Leuten, die ein Kind haben mal zu Hilfe eilt und zum Beispiel zeitweise darauf aufpasst. Dass man einmal auf den Strand oder den Kaffeehausbesuch verzichtet, ein bisschen Zeit opfert und so der Freundin ermöglicht, mal laufen zu gehen. Es muss ja auch nicht nur babysitten sein: einfach die Leute treffen, mit den Kindern spielen, damit die Eltern auch kurz Zeit für sich haben. Es ist sehr wichtig, dass wir wieder mehr Verantwortung füreinander übernehmen.

Barbara Pavelka ist Geschäftsführerin der österreichischen Lebensbewegung www.lebensbewegung.at. Die Bewegung ist rein spendenfinanziert. Neben dem Beratungsangebot stellen sie und ihr Team regelmäßig Artikel und Tipps zu den Themen Schwangerschaft, Abtreibung und Fehlgeburt ins Netz und koordinieren Selbtshilfegruppen.

Das Interview finden Sie ebenso bei der Nachrichtenagentur CNA

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