„The Two Popes“: Säkulare Bromance in kirchlichem Gewand

 

von Elisabeth Dóczy

Heute Nacht wurden die Golden Globes verliehen. Die vierfach nominierte Netflix-Produktion „The Two Popes“ ging dabei leer aus. Dem Dramatiker und Drehbuchautor Anthony McCarten (u.a. „Die Entdeckung der Unendlichkeit“, „Die dunkelste Stunde“, „Bohemian Rhapsody“) und dem Regisseur Fernando Meirelles (u.a. „City of God“, „City of Men“, „Der ewige Gärtner“) war ein ästhetisch ansprechender Feelgood Film gelungen, der herzlich wenig Wahres über die Kirche und noch weniger über den emeritierten Papst auszusagen weiß. Er geht von einer Spaltung zwischen liberalem und konservativem Katholizismus aus und präsentiert sich selbst als ausgestreckte Hand, die dem veralteten Lager wohlwollend in die Gegenwart helfen will.

 Irreführende Vermengung von Wirklichkeit und Fiktion

Ein in sich gekehrter, abgekapselter Kirchenfürst trifft auf einen charmanten, demütigen Hirten. Der Lateinamerikaner löst durch aufmerksames Zuhören und einen spontanen Tango bei dem unbeholfenen Intellektuellen den Knoten und dem Zuschauer ist klar: hier wurde Brücke gebaut, hier herrscht Verstehen, hier sind alle Gräben behoben. Die exzellenten Schauspielkünste von Anthony Hopkins (Ratzinger) und die erstaunliche Ähnlichkeit von Jonathan Pryce mit Jorge Mario Bergoglio täuschen fast darüber hinweg, dass ein sehr wirklichkeitsnahes Porträt des argentinischen Kardinals einem Zerrbild des Papa emeritus gegenüber steht. Hopkins Benedikt XVI. ist ein weltfremder Feingeist, dem zutiefst verletzende Bemerkungen entfahren, die von seinem bescheidenen Gegenüber demütig geschluckt werden. Einer ersten eher hitzigen Begegnung, in welcher warmherzig-offen auf voreingenommen-engstirnig prallt, folgt eine sanfte Annäherung. Die beiden Protagonisten entdecken eine Gemeinsamkeit: beide ringen aufrichtig mit ihrem Gewissen und dem Hören auf Gottes Willen. So kann Film-Benedikt seinem Gegenüber erzählen, dass ihm seit der Wahl zum Papst Gottes Stimme abgehe. In Film-Bergoglio könne er sie nun endlich wieder vernehmen. Vor dem prachtvollen Panorama der eigens für den Film nachgebauten Sixtinischen Kapelle erhebt sich eine leise Vorahnung auf ein bald bevorstehendes Konklave: behutsam fühlt Film-Ratzinger vor, ob Film-Bergoglio sich als Nachfolger für den Stuhl Petri sehe.

Zwei Irrtümern ist „The Two Popes“ hier bereits aufgesessen. Zum Einen soll die Phase der geistlichen Trockenheit, welche dem Papa emeritus unterstellt wird, ein Hinweis darauf sein, dass er nicht auf den Stuhl Petri gehört hätte. Zum Anderen wird das Papsttum nicht als Amt, sondern als spiritueller Ritterschlag gewertet. Derjenige, der diesen Irrtümern entgegen tritt, ist Film-Bergoglio: der Papst, als Personifikation des Gekreuzigten, könne doch nicht vom Kreuz heruntersteigen! Dieses szenische Manöver beseitigt jedoch nicht die versteckte Botschaft des Films: Gott war nicht einverstanden mit dem Papsttum Benedikts XVI. und habe ihm daher die Gunst Seiner Nähe entzogen; ihn in eine geistliche Wüste geschickt. Den Fauxpas, Benedikt XVI. als machtgierigen Autokraten darzustellen, begeht „The Two Popes“ nur zwischen den Zeilen, denn schließlich will der Film Brücken bauen. Im Vordergrund steht, dass er ein geläuterter, reumütiger Papst mit der Hilfe Gottes zu Sinnen gekommen ist.

 Aus Fiktion wird Lüge

Die erste Hälfte des Films schafft es noch, die Kurve zu kriegen. Man weiß, es handelt sich um einen Film und lässt sich daher gerne auf das psychologisch feingetunte Spiel der beiden Hauptdarsteller ein; nimmt das Ganze nicht allzu ernst. In ehrlicher Weise bereitet der Film Jorge Mario Bergoglios Vergangenheit in Argentinien auf. Der Protagonist erzählt bereitwillig und beschämt zugleich, warum er sich das Papstamt nicht vorstellen könne. Der wohlinszenierte Wendepunkt des Films folgt darauf: In der Intimität des „Raums der Tränen“, hinter der Sixtina, verwandelt sich das vertrauliche Gespräch in eine Beichte. Endlich geschieht das, worauf Film-Bergoglio und mit ihm die Filmzuschauer gewartet haben: Benedikt erlaubt einen Blick hinter den Panzer. Er entschuldigt sich beim Herrn, das Leben nicht gekostet zu haben. Er bereut, sich zu sehr in Büchern vergraben und darüber die Nöte der Zeit und der Kirche nicht bemerkt zu haben. Und schließlich – die Filmemacher waren so diskret, nicht zu sehr in diesen intimen Moment zu dringen und blenden den Ton hier langsam aus – schließlich fragt er Film-Bergoglio, ob ihm der Name Marcial Maciel Degollado bekannt sei. Film-Bergoglio nickt und schaut aufmerksam, denn jetzt wissen wir, jetzt kommt er, der Moment der Wahrheit. Betroffenes Schweigen in Film und Ton, man sieht nur eine Großaufnahme der geschlossenen Tür zum „Raum der Tränen“, hinter der es endlich zu diesem entscheidenden Moment des Schuldeingeständnisses gekommen ist. Film-Benedikt gibt zu, den belastenden Berichten über den Gründer der Legionäre Christi zu wenig Beachtung geschenkt und die ihm anvertraute Herde nicht beschützt zu haben. Kurzgesagt: Benedikt XVI. wird als Sündenbock für das Fehlgehen der ihm unterstellten Priester und Bischöfe ausgewiesen und seine tatsächlichen Anstrengungen als Präfekt der Glaubenskongregation und dann als Papst, den Unrat auszumerzen, werden schlicht und einfach verschwiegen.

Geschickterweise verharrt „The Two Popes“ nicht im Anklagegestus: dem armen, reuigen Sünder wird verziehen, denn Barmherzigkeit überwiegt in allem und wenigstens in diesem Punkt will der Film – zumindest vordergründig – die Lehre der katholischen Kirche bejahen. Vielmehr noch: Film-Bergoglio bittet Film-Ratzinger inständig, zu bleiben und auszukehren, was er verabsäumt habe. Doch Film-Ratzinger offenbart hier wieder einmal seine Sturheit und Schwäche: „Ich glaube an Gott. Ich bete zu Gott. Stille!...Ich kann diese Rolle nicht mehr spielen.“ Nun gut, ihm sei verziehen. Er ist ja ein armer, alter Mann, der schlecht gecastet wurde und jetzt endlich von dieser Last befreit werden darf.

Der Film schickt Film-Ratzinger aus der „Raum der Tränen“ hinaus und in den Ruhestand: Anthony Hopkins’ Benedikt wandert als tattriger, innerlich gelöster Greis durch die Sixtinische Kapelle und begeisterte Touristen hindurch, die gerade nicht fassen können, wer hier aus dem „Raum der Tränen“ getreten ist. Zum ersten Mal darf auch er, Film-Ratzinger merken, wie wichtig menschliche Nähe und Zuneigung sind. Film-Bergoglio beobachtet das Schauspiel wohlwollend und amüsiert. Zum Abschied lernt Film-Papst noch ein paar Tangoschritte, bevor Film-Bergoglio ins Taxi steigt. Ob der inneren Wandlung und der auf einmal zärtlichen Gestalt des Abschied-winkenden Pensionisten möchte fast Rührung in einem aufsteigen. Doch diese ist getrübt durch die subtil eingefädelte Lüge über Benedikt XVI.

Diffuse Schuld und starker Mann

„The Two Popes“ ist mehreres zugleich: spirituelle Bromance, Lehrstück über Schuld und Vergebung, Spalter, Imagefilm, Fiktion, Anklage und Brückenbau. Benedikt XVI. und Franziskus dürfen als Marionetten für ein ideologisches Kontrastspiel zwischen konservativ und liberal herhalten. Wer nach einem Charakterbild Joseph Ratzingers sucht, wird enttäuscht. Kein Gedanke des großen Theologen wird abgebildet, kein Element seiner maßgeblichen Christologie wird in seiner Gottesbeziehung offenbar. Jorge Mario Bergoglio geht zwar als Sympathieträger hervor, jedoch nach säkularen Maßstäben. Die katholische Spiritualität des echten Bergoglio wird außen vorgelassen. Gekonnt verwendet das Drehbuch die Sprache des katholischen Glaubens und zaubert theologisch Richtiges neben theologisch Falschem aus dem Hut. Die mühsame Konstruktion endet mit einer diffusen Aussage des Film-Franziskus: „If no one is to blame, everyone is to blame.“ Anklage oder Entschuldigung? Es bleibt ein wirrer Eindruck von Schuld. Man weiß nicht ganz, wer Schuld hat und woran genau. Man weiß nicht, was tun mit der Schuld. Als Lösung wird der starke Mann serviert. Eines ist am Ende klar: „The Two Popes“ weiß, was die Kirche braucht. Ein säkularer Film, wohlmeinend und irreführend.

Impressum © 2006-2020  Pontifex - Die Initiative der Generation Benedikt