Amazonas und Brückensturz Vol. II.

 

Nachdem wir Alexander Tschugguel gefragt haben, warum er die „Pachamama“-Figuren aus der Kirche Santa Maria in Traspontina entwendet und in den Tiber geworfen hat, waren für viele noch immer einige Fragen offen. Da das, was wir bisher über die „Pachamama"-Figuren und die Amazonas-Synode erfahren haben, noch Stückwerk ist, haben wir mit Santiago Paz (20 Jahre, Argentinier, lebt und studiert zurzeit in Wien) gesprochen. *

 Santiago, kennst du die „Pachamama“? Weißt Du vielleicht, worum es sich da handelt?

Ja, mir ist „Pachamama“ als Bestandteil einer polytheistischen Religion bekannt, die existiert hat, bevor die Spanier nach Lateinamerika kamen. Sie ist eine der vier Hauptgötter – oder vielleicht die größte – im Glauben der untergegangenen Inka-Kultur.

Aufgeregt haben die „Pachamama“-Figuren, weil sie mit Menschenopfern der Inka in Verbindung gebracht werden. Ist da was dran?

Die Inkas haben ihren Gottheiten Menschenopfer dargebracht. Auf einem Vulkan in Nord-Argentinien, an der Grenze zu Chile, dem Llullaillaco, hat man die Körper von solchen Opfern gefunden, vor allem von Kindern. Dort war Pachamama eine der Gottheiten, denen die Inkas ihre Opfer darbrachten.

Ist dieser Glaube – bzw. sind Reste davon – heut noch vorhanden?

Eigentlich nicht; oder wenn schon, dann nur sehr wenig. Die Missionare haben sich sehr schnell darum gekümmert, das Christentum zu verbreiten. Bis ins 20. Jahrhundert waren 90% der Leute praktizierende Christen. Es hat natürlich immer ein paar gegeben, die nicht ganz dabei waren. Aber im letzten Jahrhundert war das Thema Inka-Glauben eigentlich praktisch tot, verschwunden.

Was hat sich denn seither geändert?

In den 1980ern und 1990ern ist eine Art ökologische Bewegung entstanden, die versucht hat, das Alte, was verschwunden war, wieder neu zu beleben und in das Aktuelle zu integrieren. Sie meinten, dass die Spanier etwas kaputt gemacht hätten. Die katholische Kirche dort hatte aber in den 400 Jahren, in denen sie schon da war, allerdings immer einen starken Unterschied zwischen indigenem und christlichem Glauben gemacht.

Es gibt einige, lateinamerikanische Heiligtümer, Marien-Erscheinungsorte, die über Südamerika hinaus sehr bekannt sind und internationale Strahlkraft besitzen. Am Bekanntesten ist sicher Guadalupe, oder auch Aparecida in Brasilien. Gibt es einen konkreten, lokalen, indigenen Katholizismus, der an bestimmte Wallfahrtsorte geknüpft ist?

Ja, gibt es. Zum Beispiel die Prozession del Señor y Virgen del Milagro (Anm. Pontifex: Wikipedia-Eintrag existiert nur auf Spanisch). 600.000 Gläubige sind jedes Jahr bei dieser Prozession im Norden Argentiniens dabei. Dort sind 90% der Teilnehmer von indianischem Ursprung. Sie kommen aus der nördlichen Region Argentiniens, vor allem aus den kleinen Dörfern in den Anden. Oder die Jungfrau von Urkupiña (Anm. Pontifex: Wikipedia-Eintrag existiert nur auf Spanisch), die Patronin Boliviens. Sie wird in Bolivien besonders von Leuten mit indianischer Herkunft verehrt, die auch den größten Teil der Bevölkerung bilden. In Bolivien sind die Indigenen seit mehreren Jahrhunderten christlich.

Die ganze Bewegung, um die ältere Religionen wieder zum Leben zu bringen ist etwas eher Neues, das seinen Ursprung nicht in Südamerika, sondern in Europa hat. Die Kirche hat sich nie mit den Religionen der Indigenen vermischt. Man war katholisch oder nicht. Und so hat die Evangelisierung Amerikas stattgefunden. Nicht indem man die alten Religionen und den Katholizismus gemischt hat, sondern indem man diese getrennt gehalten hat. Und von selbst hat sich der Glaube schnell verbreitet.

Was sagt man denn bei Dir zuhause, was sagen Deine Familie und Deine Freunde zu der Sache mit den „Pachamamas“?

Die „Pachamamas“ haben sie schon vor dem Video vom „Brückensturz“ sehr kritisch gesehen. Sie haben sich geärgert, dass diese Bilder im Vatikan verehrt und wurde; und, dass der Glaube mit den Pachamamas gemischt wurde. Vor allem, da viele Jesuitenmissionare in früheren Jahrhunderten für den Glauben gestorben sind.

Fallen Dir vielleicht irgendwelche bekannte, lateinamerikanische Geistliche ein, die eine Verbindung der katholischen mit den nicht-christlichen, indigenen Glaubenspraktiken fördern?

Nein, ich persönlich wüsste keinen. Das hat mehr mit Europa zu tun als mit Südamerika. Es liegt bei jedem einzelnen Indigenen, zu entscheiden, ob er Christ sein will oder nicht.

Hast Du Freunde mit indigener Herkunft - aus diesen Regionen? Und was ist Dein genereller Eindruck von der pastoralen Situation in den betreffenden Regionen?

Ja, ich habe ein paar Freunde von indigener Herkunft. Alle sind Christen. Einmal habe ich jemanden kennen gelernt, der behauptet hat, dass er an die alten Götter (Pachamama, Wayra, usw.) geglaubt hat. In den betreffenden Regionen ist es für die Priester schwierig, z.B. die Sakramente zu spenden. Es gibt in diesen Gebieten wenige Priester, da sie in die großen Städte geschickt werden, und weil die Distanzen sehr groß sind.

(Bevor die Frage gestellt ist, kommt Santiago selbst auf die „Brückensturz“-Aktion zu sprechen:)
Ich bin nicht ganz einverstanden mit der Aktion von Alexander Tschugguel. Ja, es war gut, die Figuren aus der Kirche zu entfernen. Was sicher nicht gut und nicht respektvoll war: die Figuren in den Tiber zu werfen. Was aber auch nicht schlecht war an der Aktion insgesamt: die Leute haben begonnen, über die Figuren zu reden und was sie eigentlich sind.

Die Aktion war eine Art Reaktion auf das, was im Rahmen der Amazonas-Synode gesprochen wurde und geschehen ist. Was sagst Du generell zur Synode?

Ich habe darüber nachgedacht, auch mit meinen Eltern darüber geredet. Uns kommt vor, dass es bei der Synode eher um Politik und Europa ging und weniger um Lateinamerika. Wir finden, dass es hier größere Themen gäbe, über die man sprechen sollte. Es herrscht zum Beispiel viel Konfusion in Teilen Südamerikas. Es gibt noch Einflüsse aus der Befreiungstheologie und oft hat jede Diözese ihre eigene Meinung zu wichtigen Glaubensthemen.

Vielen Dank Santiago für das interessante Gespräch!

* Das Interview spiegelt die Ansichten des Befragten wider und nicht unbedingt die der Initiative Pontifex.

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