Was ist normal?

 

von Lena Dehner

Normal – was bedeutet das eigentlich? Ein scheinbar einfaches Wort, das wir alle oft benutzen. Hast du dich jemals gefragt, was für dich normal ist? Vielleicht ist normal gerade dadurch definiert, dass damit die Dinge gemeint sind, die uns nicht auffallen, wenn wir ihnen begegnen, eben weil sie normal, alltäglich sind.

Erst dort, wo es normal ist, dass Soldaten auf der Straße patrouillieren fällt uns auf, dass es für uns hier nicht normal ist, Soldaten auf der Straße zu sehen. Und in Frieden zu leben. Es ist alltäglich und wird nicht hinterfragt. 

Würden wir lange an dem Ort mit den Soldaten bleiben, würde sich unsere Normalität ändern. Wir gewöhnen uns an den Anblick. Und dann fahren wir in den Heimaturlaub nach Deutschland und zum ersten Mal fällt uns auf, dass wir hier eben keine Soldaten auf der Straße haben. Unsere Antwort auf die Frage "Was ist normal?" hat sich geändert.Und das ohne, dass wir uns aktiv entschieden hätten. Die Umstände haben sich geändert, also hat sich unser normal geändert.

Normal sind für uns Dinge, denen wir alltäglich begegnen und die wir nicht hinterfragen. Oft ist das hilfreich, weil wir uns so keine Gedanken mehr über die Dinge machen müssen, die uns täglich begegnen. Natürlich steckt auch ein bewusstes oder unbewusstes Annehmen dahinter. Damit Dinge für mich normal werden, muss ich sie angenommen, akzeptiert haben, egal, wie ich früher, unter den alten Umständen dazu stand und sie nicht mehr ändern wollen.

Manchmal ist das auch traurig. Wer schon einmal in Indien war, hat wahrscheinlich gemerkt, dass ihn das erste ausgemergelte, bettelnde Kind erschüttert hat. Das Hundertste dann nicht mehr, weil wir uns daran gewöhnt haben. Das wir von Gewalt in Syrien und im Gazastreifen hören, ist für uns normal. Wir sind nicht erschüttert, wenn wir hören, dass sich im Irak ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hat oder dass im Jemen Kinder hungern, es ist für uns normal. Täglich sehen wir Bilder, durch die wir Menschen, die wir, auch und gerade unwillentlich und unbewusst, lernfähige Wesen sind, konditioniert werden auf ein bestimmtes Normal. Wie Pawlows Hund.

Aber müssen wir in den Nahen Osten schauen, um eine Normalität des Leides zu sehen? Was würde durch die Abschaffung von § 219a bewirkt? Wir kämen viel öfter mit dem Thema Abtreibung als normale Dienstleistung in Kontakt. Auf der Seite einer gynäkologischen Praxis wird die Abtreibung neben vielen anderen Leistungen angeboten. Dadurch wird eine Normalität suggeriert, die wieder dazu führt, dass Abtreibung also Option normaler wird. Je mehr wir über Abtreibung im Kontext medizinischer Dienstleistung lesen, desto eher halten wir es für eine Option. Weil viele Frauen es schon gemacht haben. Die Atomkraft wurde auch erfunden und Helden haben verhindert, dass eine Atombombe eine normale Option wurde. Es war und ist schwer, den Geist in der Büchse zu halten.

Doch so, wie auf die Frage, ob es in Ordnung ist, dass in Indien Kinder hungern , die Antwort nie lauten darf „ja, weil es normal ist“, darf die Antwort auf die Frage, „Dürfen wir abtreiben?“ auch nie sein: „ Ja, weil es normal ist.“ Abtreibung ist das Beenden eines menschlichen Lebens und so, wie wir das bei geborenen Menschen niemals gutheißen würden, diese töten zu lassen, so sollten wir das auch bei ungeborenen, anstatt anzufangen, eine neue Realität zu schaffen. Denn diese können wir nur akzeptieren, indem wir unseren Begriff von Normalität ändern und dabei unsere moralischen Grenzen aus dem Weg schaffen. Wir würden niemals einen geborenen Menschen töten, also darf die Rechtfertigung für Abtreibung nicht sein, dass es im Jahr 2019 einfach normal (geworden) ist.

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