Piraten kapern das Kirchenschiff

 

Von Reinhild Rössler

„Die Steine des Heiligtums liegen auf den Straßen zerstreut umher, wenn die Personen heiliger Stände sich in breitestem Maße ihren Lüsten überlassen und zeitlichen Dingen nachgehen. Man beachte wohl, dass es nicht einfach heißt „auf den Straßen zerstreut“, sondern an den „Straßenecken“; denn auch in ihrer zeitlichen Beschäftigung möchten sie hochangesehen sein und so einerseits den breiten Weg der Lust und des Vergnügens wandeln, anderseits aber doch die Ehre ihres heiligen Standes an den Straßenecken genießen“,

schreibt Gregor der Große am Ende des 6. Jahrhunderts in seiner Hirtenregel. Er malt ein Bild dessen, was geschieht, wenn die Priester und Bischöfe, diejenigen, denen das Heiligste anvertraut ist, dieses in den Dreck fallen lassen, um ihren perversen Lüsten nachzugehen. Nie schien dieses düstere Bild aktueller als heute. Nach außen hin sind die Priester und Bischöfe noch hochangesehen und genießen ihre Macht, während sie das, was ihnen anvertraut ist, nämlich nichts Geringeres als die Braut Christi, schänden und zerstören. Der kluge Papst warnte eindrücklich vor dem, was der Kirche passieren könnte, die – so schrieb er in einem Brief an Johannes von Konstantinopel – „ein altes und von den Wellen arg mitgenommenes Schiff“ sei, welches er als Papst übernommen hatte.

Das Kirchenschiff ist ein alter, stabil konstruierter Dreimaster. Es hat eine perfekt ausgeklügelte Funktionsweise, ist wunderschön und so gebaut, dass es auf dem Meer der Welt elegant und sanft der Sonne entgegensegeln kann. Ab und zu hat es ein Leck, oder ein Tau muss erneuert werden und manchmal kann eine neue Erfindung die Funktionsweise noch optimieren, aber im Grunde ist es ein herrliches Konstrukt, das genau so, wie es ist seinen Dienst erfüllt. Es ist von Gott gebaut um die Menschen zur Sonne zu bringen. Seine Route jedoch ist nicht von ihm selbst festgeschrieben, sondern wird vom Steuermann entschieden. Das Schiff kann statt in Richtung der Sonne genauso gut in ein Todeskliff gesteuert werden. Wenn der Steuermann die Sonne liebt und sie sein Ziel ist, dann wird er das Schiff in ihre Richtung navigieren, die Segel hissen und so geschickt steuern, dass er sich alle Winde nützlich macht, um sein Ziel zu erreichen. Jeder Mensch ist wie solch ein kleines Schiff, aber auch jedes Bistum und die gesamte Kirche. Was passiert aber, wenn die Fahrt gestört wird und Piraten das Schiff kapern? Piraten haben kein Ziel und keinen Hafen, sie bringen das Schiff dorthin, wo sie sich selbst bereichern können, sie lieben die Dunkelheit und hissen eine falsche Flagge. Sie wollen nicht zur Sonne, denn dort wartet das Gericht auf sie. Sie wollen weiter hin- und herfahren auf dem Meer der Welt und alles an sich reißen, was sie finden. Sie wollen stehlen, lügen und das Schiff missbrauchen.

Unser Kirchenschiff wurde gekapert.
Piraten haben das Schiff übernommen und missbrauchen seine Schönheit, um mit ihren dreckigen Händen ihre Taschen zu füllen. Sie lassen Mann für Mann über Bord gehen und zerstören bei ihren Raubzügen das so wundervoll konstruierte Schiff ganz und gar. Die Schönheit der Kirche ist ihre göttlich gegebene Struktur, ihre Hierarche. Wenn der Steuermann vor allem Gott sieht, Christus, der das Licht ist, dann leitet er das ganze Kirchenvolk auf diesem Kurs. Wenn er aber nicht Christus sieht, sondern sich selbst, kann er das Schiff nicht zu Christus steuern, sondern er treibt es dorthin, wo er es am besten ausnutzen kann. Oder wie der Heilige Papst Gregor schreibt: „Wenn das Haupt krank ist, hilft die Gesundheit der anderen Glieder nichts, und ganz umsonst eilt das Heer bei Aufsuchung des Feindes dem Feldherrn nach, wenn dieser den Weg verfehlt.“

Nicht nur verantworten diese verfehlten Hirten den Irrgang der ihnen anvertrauten Herden, sondern auch die Zerstörung des Kirchenschiffes selbst. Weil die, die uns zum Glauben führen sollen, nicht mehr glauben, fürchten sie sich nicht vor dem Preis für ihre Schuld und dass er schlimmer sein wird, als alle Strafen, die sie hier auf der Erde treffen könnten. Fast ironisch ist es, dass gleichzeitig zu dieser Zeit von der Kirche die Todesstrafe als nicht mit dem Evangelium vereinbar erklärt wird. Es klingt wie eine „Erleichterung“, dabei sollte uns doch klar sein, was die eigentliche Todesstrafe ist; was passiert, wenn man sich der Sünde überlässt, wenn die Seele getötet wird. Gerade die Geistlichen, gerade die Priester und Bischöfe sollten zittern vor dem Gericht Gottes, das sie erwarten wird. Aber das tut nur, wer wirklich glaubt.

Der heilige Gregor warnt deutlich davor, was geschieht, wenn der Seelsorger seine Pflicht vergisst und sein Amt missbraucht: „Wer also seinem Amte gemäß als heilig erscheinen sollte, durch sein Wort und Beispiel aber die andern zugrunde richtet, dem wäre es sicher besser, dass ihn in einem weltlichen Stande irdische Verfehlungen dem Tode überlieferten, als dass sein heiliges Amt ihn andern als Vorbild der Sünde vor Augen stellte; denn es würde ihn immerhin eine noch erträglichere Strafe im Jenseits treffen, wenn er allein für sich gefallen wäre.“
Die Steine des Heiligtums liegen heute in den Straßenecken, die Gläubigen gehen über Bord, das Schiff wird von innen zerstört, während es in einen der schwersten Stürme der Kirchengeschichte steuert.

Apokalyptische Aussagen haben immer etwas Verzweifeltes an sich. Dabei sind sie viel eher Grund für Hoffnung. Ein Drittel aller unserer Schiffe wird am Ende vernichtet sein (Offb 8,9). Aber wie die Jünger im Sturm können auch wir heute Christus anflehen: „Herr, wir verderben!“ und während er den Wind und das Meer beruhigt wird er uns antworten: „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?“ (Mt 8,26).

Impressum © 2006-2018  Pontifex - Die Initiative der Generation Benedikt