Von Krankheit, Sünde und Leid – Von Glaube, Hoffnung und Liebe

 

Von Veronika Dieterle

Es gibt hier nichts schön zu reden. Die Kirche leidet. Die Zahl der Gläubigen nimmt ab, ein Skandal jagt den nächsten, die Lehre verschwimmt, wird verfälscht und verschwindet im Mittelmaß, die Wahrheit ist zum Allgemeingut verkommen. Noch schlimmer: Die, der katholischen Kirche seit je ureigene, Hierarchiestruktur wird missbraucht und pervertiert. Von eben diesen, die sich der Liebe und dem Dienst an der Kirche verschrieben haben.

Ich sitze nun also hier und stelle mich der Frage, die unzählige Katholiken und Interessierte in diesen Tagen umtreibt und die von meinen Kommilitonen und Freunden immer wieder an mich herangetragen wird: Warum bin ich überhaupt noch katholisch? Weshalb antworte ich noch immer auf viele Fragen und Probleme mit dem einen unumstößlich hoffnungsvollen Namen: Jesus Christus? Ich muss doch blind und taub oder vielleicht einfach mit einem schlichten Geist bedacht sein!

Ja, was also ist es, das mich wieder und wieder bekennen lässt: ich glaube an die eine heilige katholische und apostolische Kirche?
Zuerst einmal muss hier festgehalten werden, dass die Kirche, wie vielfach falsch verstanden, nicht nur ein Club oder eine Vereinigung von Menschen gleicher Gesinnung ist. Vielmehr ist sie eine äußerst heterogene Institution, die, von Christus selbst begründet, die verkündete Wahrheit lehrt und schützt. Sie ist aber auch, und das wird häufig vergessen und missachtet, der mystische Leib Christi. Das bedeutet, dass wir alle durch die Taufe Teil eines Großen und Ganzen werden, eines Gefüges sozusagen. Eben ein Leib, ein Körper. Christus das Haupt, wir die Glieder. Aus diesem Verständnis von Kirche lässt sich eine tiefe Verbundenheit aller Getauften untereinander ableiten. Wo ein Glied krankt, leiden alle mit. Nicht zuletzt auch, und das ist das verheerende, das Haupt, das die Liebe und die Wahrheit verkündet. Wie könnte ich also, gerade in solch einer Zeit, den Leib verlassen, der mich nährt, den Corpus hinter mir lassen, dessen Teil und Glied ich bin und dessen Wunden auch mir schwer zu schaffen machen? Bin ich nicht vielmehr berufen, zu heilen, wo es möglich ist, in Gebet und, ja, auch Buße?

Natürlich, es ist wahr, die vielen unseligen, grausamen Taten, die Bischöfe und Priester, also Hirten und Schutzbeauftragte, begangen haben und begehen stehen im krassen Widerspruch zur Lehre von Glauben, Hoffnung und Liebe. Aber das ist es ja gerade. Stünden sie im Einklang mit der Lehre, die ich vertrete und an die ich glaube…ich wäre längst auf und davon. Genug „bequemere“ und angesehenere Modelle und Lebenswege gäbe es ja allemal. Der Begründer unseres Glaubens aber ist Jesus Christus. Er ist derjenige, der sagt: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe! Durch ihn ist eine Wahrheit verkündet worden, die schon immer wahr gewesen ist, die heute und morgen und immer wahr bleiben wird. Denn das ist ja die Eigenschaft der Wahrheit, dass sie exklusiv und einzig und – durch nichts abänderlich – ewig ist. Dieser Kern unseres Glaubens; diese Liebe, der wir uns als getaufte Christen verschrieben haben; diese Freude, wenn sakramentale Vergebung einen Neuanfang möglich macht; dieses Leuchten aus dem Inneren derer, die wahrhaft ihr Leben nach dem Einen ausrichten; diese Hoffnung auf ein echtes Leben nach dem Tod, diese Gewissheit, schon immer geliebt gewesen zu sein und nicht zuletzt diese eine Wahrheit (unabhängig davon, ob an sie geglaubt wird oder nicht), die uns zum Zeugnis ruft, lässt mich jeden Tag staunend und dankbar das Geschenk meines Lebens annehmen.

Wie unglaublich liebevoll all diejenigen bedacht sind, die mit Gnade der Weitsicht gesegnet sind, dass all diese verabscheuungswürdigen und nicht zu entschuldbaren Verbrechen an den Seelen und Körpern der missbrauchten Schutzbefohlenen kein Ergebnis, sondern eine Zuwiderhandlung der Lehre der Kirche sind.

Ja, es gibt kaputte Glieder im Leib der Kirche. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass diese „inneren Verletzungen“ beinahe den gesamten Kirchenapparat betreffen und darum schwerer wiegen, als so mancher von „außen“ beigebrachte Hieb. Nicht umsonst sagt der alemannische Volksmund: Es menschelt bis vor die Himmelstüre. Das ist der Knackpunkt. Wir sind Menschen, wir sind Sünder, keiner ist gefeit vor Fall und Bosheit. Aber am Ende gibt es sie eben doch, diese Himmelstür. Und für sie und alles, was danach kommt und davor zu bestehen ist, lohnt es sich, ein Leben lang zu widerstehen. Dem Bösen die Stirn zu bieten, den Leib der Kirche zu heiligen, ihn zu schützen und zu lieben, durch ihn die Liebe, zu der wir als Christen berufen sind, weitläufig in die Welt zu tragen.

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