Der tote Gott

 Von Reinhild E. Rössler

Die Helden der Christen haben die eigentlich völlig paradoxe Angewohnheit, häufig mit dem Instrument dargestellt zu werden durch das sie gestorben sind. Es wirkt fast so also wäre der Tod das eigentliche Ziel des Christen. Das Symbol des Christentums schlechthin ist das Kreuz – das vielleicht abartigste Folterinstrument einer brutalen antiken Kriegsmacht. Die Christen verehren nicht den auferstandenen Gott, keinen schönen, starken, edlen Apoll – sie verehren Gott als verletzlichen und getöteten, nackten Mann. Eine Religion der Todessehnsucht? Eine Religion der Masochisten?

KruzifixDabei ist der Tod doch etwas Furchtbares, oder? Er ist das was alle Menschen eint und was die tiefste und letzte Angst des Menschen ist. Er ist die Grenze für alles Glück, alle Freude, alles Leben. Unsere Freiheit, egal wie groß, endet immer mit dem Tod. Wie kann man ihn verehren?

BartholomäusGott hat uns keine Welt geschaffen, in der unsere Freiheit eine Grenze hat, in der das Leben eine Grenze hat oder die Liebe. Er hat die vollkommene Welt geschaffen. Wir selbst haben durch den Missbrauch der Freiheit, des Lebens und der Liebe den Tod in die Welt geholt. Er ist nichts Ersehnenswertes, er ist der große Schrecken des Menschen. Die Menschen des Alten Testamentes opferten Gott ihre Tiere, Rauch und Blutopfer, damit er sie von Tod und Leid verschont. Für uns heute ist der Begriff des „Opferns“ so schwierig zu verstehen, dabei war er immer, in jeder Religion ein grundlegender Bestandteil. Dabei geht es einfach um die Bezahlung oder die Auslösung einer Schuld. Die Menschen des Alten Testamentes versuchten diese ihre Schuld abzutragen, indem sie ihm ihr Eigentum oder sogar ihr Leben anboten. Gott nahm die Opfer an, aber sie konnten immer nur punktuell für Schuld und Tod bezahlen.

Einem Gott, der die Liebe IST kann das nicht genügen. Er möchte, dass nichts zwischen ihm und den Menschen steht. Und deshalb muss er das einzige Opfer bringen, dass nicht für ein Leben bezahlt, sondern für alle. Er opfert sich selbst. Der, der alles geschaffen hat, bringt am Ende sich selbst für diese Schöpfung zum Opfer. Er löst die Schuld der Menschen aus, indem er mit seinem Leben bezahlt.

St stephenAber hier ist die Geschichte nicht vorbei. Das Opfer ist echt, der Gott ist tot, er ist wirklich und richtig gestorben und begraben worden. Aber er bleibt nicht tot. Das Opfer wurde angenommen. Die Schuld ist bezahlt und die volle Freiheit, das volle Leben und die volle Liebe wiederhergestellt. An Ostern zeigt sie sich in der Person des wirklich ganz körperlich auferstandenen Jesus, der das Leben und die Liebe ist. Das Kreuz ist der Preis, den er bezahlt hat. Das Kreuz ist der Grund, warum die Christen frei sind, warum sie leben können ohne Einschränkung. Deshalb lieben sie das Kreuz so und deshalb verehren sie die Menschen, die durch ihre eigenen Opfer versuchen einen Teil des Kreuzes mitzutragen. Sie verehren den Heiligen Bartholomäus mit den Werkzeugen seiner Häutung, den Heiligen Laurentius mit dem Rost auf dem er geröstet wurde, den Heiligen Bonifatius mit dem Schwert, das ihn geköpft hat und den Heiligen Stephanus mit den Steinen, die ihn getötet haben nicht nur, weil sich darin ihr Mut und ihre Liebe zu Christus zeigt, dessentwillen sie das erlitten haben. Sie verehren diese Heiligen mit Folterwerkzeugen und Mordinstrumenten daher, weil sie durch diese Leiden am Leiden Christi teilhaben konnten und weil es für sie der Weg nicht in den Tod war, sondern in das Leben. Denn nachdem Christus gestorben ist, nachdem er die Menschen losgekauft hat, hat er dadurch den Weg zum ewigen Leben aufgemacht. Jeder kann seitdem auferstehen, jeder kann das ewige Leben haben. Der Tod ist noch da – aber er hat keinen Stachel mehr. Er hat seinen Schrecken verloren, denn Christus hat die größte Angst des Menschen zu seiner größten Hoffnung gemacht.

Das ist das Geheimnis der Christen. Deshalb stehen und knien sie vor dem Folterinstrument und verehren es. Sie wissen, dass es der Preis war dafür, dass sie frei sind, dass sie leben können und lieben können ohne Ende.

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