Das geklonte Paradies

 

Von Reinhild Rössler

Jetzt können wir also Affen klonen. Genauer, wir können aus einem Affen einen zweiten Affen machen, der diesem genetisch exakt entspricht. Nun gut, mit ein paar Affenbabys müssen wir dafür bezahlen, aber das ist es wert – denn der Gewinn, ist der nächste Schritt zur Rettung der Menschheit. Denn wenn wir Affen klonen können, können wir auch Menschen klonen. Schließlich wissen wir ja, dass wir im Grunde auch Affen sind, nur eben schlauer. So schlau, dass wir Affen machen können – und nicht irgendeinen Affen, sondern am Ende den perfekten, Idealaffen, den Homo Postmodernus. Und wer den Menschen schafft, der schafft auch die Welt.

Wer es in der Hand hat, die nächste Stufe der Evolution zu erreichen, wird zum Schöpfer des nächsten Jahrhunderts. Wenn die Menschen alle gesund und zufrieden sind. Wenn es keinen Hunger, keine Armut und keine Krankheit gibt, dann ist auch die Welt ideal. Das Problem bei allen Bemühungen um eine bessere Welt und der Grund an dem alles scheitert ist fast immer der Mensch. Wenn wir den Menschen designen können, können wir die Welt designen – und sie verbessern. Er selbst ist immer die größte Schwachstelle. Für dieses Paradies müssen Opfer gebracht werden. Natürlich zunächst die missglückten Embryos, diejenigen, die das Klonen nicht überleben. Aber nicht nur die Kinder müssen geopfert werden, auch die Erwachsenen müssen schon etwas opfern für die ideale Welt. Sie dürfen nicht nur an sich denken und einfach je nach Wunsch Kinder in die Welt setzen. Im Grunde würden sie den Kindern dadurch sogar schaden, denn es ist doch keine Freude, vielleicht sogar eine Zumutung, in dieser Welt zu leben.

Also müssen die Menschen Opfer bringen und nur diese Kinder in die Welt setzten, die als ideal angesehen werden, die gesund, schön, wohlhabend sein werden.Wem hilft es denn, wenn ein afrikanisches Ehepaar, was schon in tiefer Armut lebt, auch noch sein fünftes Kind bekommt. Es wird ein Leben voller Hunger, Krankheit und Armut haben und das der anderen verschlimmern. Dieses Ehepaar sollte also lieber auf seine Nachkommenschaft verzichten und das Kinderkriegen reicheren, gesünderen Paaren überlassen – oder vielleicht einem asiatischen Labor. (Keine Angst, das Kinderkriegen hat ja bekanntlich nichts mehr mit Sex zu tun – solange genug Kondome da sind, muss also trotzdem niemand auf Sex verzichten).

Träumen wir mal davon, dass das alles geschieht. Dass nur die Menschen Kinder haben, die es sich leisten können, dass diese so selektiert sind, dass alle gesund sind und schön. Dann haben wir sie, die ideale Welt. Dann geht es allen so gut, dass vielleicht auch die ehemals armen, menschenreichen Gebiete wieder wohlhabender, weil menschenärmer sind. Dann kann man es kontrolliert auch wieder zulassen, dass Kinder in diesen Gegenden geboren werden. Dann ist allen geholfen und die großen Feinde der Menschheit sind besiegt: der Hunger, die Armut und die Krankheit.

Rubens IkarusUnd wer weiß. Vielleicht kann irgendwann sogar so gut ausgewählt werden, dass auch die moralischen Verhaltensweisen selektiert werden. Vielleicht haben wir dann nur noch Menschen, die emphatisch leben und sozial denken? Vielleicht können wir dann sogar den Menschen besser machen?
Dann haben wir das Paradies. Das Paradies auf Erden, das das Ziel der Menschen sein kann, die diese Welt optimieren wollen. Es ist eine schöne neue Welt. Es sind schöne, neue Menschen. Der Mensch hat dann die Grenze dessen erreicht, was er optimieren kann. Er hat nur noch ein weiteres Opfer bringen müssen – die Vollkommenheit der Freiheit (des Armen, des Kranken, des Schlechten) und die Bedingungslosigkeit der Liebe. Es ist der Pakt mit dem Teufel, den er eingeht um all das zu bekommen. Der Teufel bietet ihm alle Reiche der Erde, Reichtum, Gesundheit und Schönheit. Der Mensch muss nichts dafür tun, er muss nur den köstlichen Apfel essen, dann hat er die Erkenntnis über alles, dann kann er selbst zum Schöpfer werden, dann kann er Gott werden. Und er erkennt alles. Er sieht, dass er nackt ist, er sieht, dass er schwach ist, er sieht, dass er sich verstecken muss und er flieht davor. Er fällt. Und dann trifft er den, der zuvor gefallen ist. Der Größte aller Gefallenen. Und er hilft ihm auf. Er hilft ihm, sein eigenes Paradies zu errichten, er zeigt ihm, dass er seinen Vater nicht mehr braucht, dass er erwachsen ist und unabhängig. Auch wenn nicht immer alles gut läuft und viel kaputt geht im Laufe der Zeiten, er hält stets zu ihm und ermuntert ihn, dass er alles schaffen kann. Vielleicht nicht jetzt, vielleicht in der nächsten Generation.

Dann haben wir es geschafft, dann haben wir unsere eigene Welt gebaut. Dann sind wir unser eigener, unabhängiger Gott. Nicht der Gott der Vorzeit, nicht der Gott, der uns Freiheit gab und dafür Vertrauen, Hingabe, Gehorsam, Demut und Liebe forderte. Dann sind wir der Gott einer Welt die keine Freiheit mehr braucht, die kein Vertrauen mehr braucht, die keine Hingabe mehr braucht, die den Gehorsam und die Demut als Schwächen verbannt und die aus Liebe reine Lust ohne Leid macht. Dann haben wir eine Welt, in der jeder Gott ist. Wir haben viel geopfert, aber wir haben es für uns getan – für die Menschheit.

Ein einziges Opfer hätte gereicht, eines, das Gott als Mensch für uns gebracht hat. Er wollte uns das Paradies schenken. Wir sollten nur daran glauben, darauf vertrauen. Aber wir vertrauen lieber auf unsere eigene Kraft. Wir glauben an uns selbst. Koste es was es wolle.
Oh, wären wir doch Affen. Dann wären wir im Paradies.

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